Ein aufgebauter Stocherkahn wartet auf seine Passagiere

Stocherkahn kompakt

Ein Stocherkahn ist ein Flachboot, das mit einer Holzstange (in der Regel aus Fichte) vom Grund des Gewässers (Fluß, Bach, See etc.) abgestoßen wird. Damit sie dort auch auf dem in Tübingen meist kiesigen Grund stecken bleibt und wegen ihrem Auftrieb nicht abhebt, ist an ihrem unteren Ende ein Stahlrohr aufgepreßt, das mit einer Stahlspitze versehen als Gegengewicht angebracht ist, der sog. "Schuh" (so sieht er aus). Die Bootsform ist die eines Nachens / einer Zille.
Stochern ist weltweit sicherlich die häufigste Fortbewegungsart in Flachgewässern. Ein Boot und eine Stange Holz, mehr ist nicht notwendig.

Die Möglichkeit, auf einem Fluß quasi mitten durch die Stadt zu stochern und dabei ihre schöne Kulisse zu genießen, gibt es in Europa nur in Tübingen, Cambridge und Oxford. Wer nach Neuseeland reist, kann in Christchurch ähnliches erleben. Nirgendwo aber sind die Kähne, die man dort antrifft, so groß wie in Tübingen. Unsere Kollegen im Spreewald haben ebenso wie wir exzellente Stocherer und hinsichtlich der Zuladung noch größere Kähne als wir hier (außer dem legendären "Friedrich Hölderlin", einem Eigenbau des Verfassers dieser Zeilen, der bei einer Länge von 10,85m bis zu 44 Erwachsene faßte), da sie aber nicht in einem Stadtgebiet fahren, bleibt das deutschlandweit unbestreitbar unser Alleinstellungsmerkmal.

Ein Stocherkahnfahrer ist kein Gondoliere, die ruddern nämlich. Noch ein übliches Vorurteil soll nicht ausbleiben, an dieser Stelle kommentiert und möglichst ausgeräumt zu werden: Man hält sich für Kenner, wenn man auf dem Neckar "o sole mio" singt, dieses Lied ist Venedig, wie es leibt und lebt. Selbstverständlich klingt es gut gesungen auch in Tübingen mehr als gut, aber es hat leider mit Stocherkähnen absolut nichts zu tun. Venezianische Gondeln mit Stocherkähnen in einem Satz zu nennen, kann nur jemand, der sicher ist, Äpfel und Birnen seien identisch. Gondeln sind hochkomplizierte Bootsformen, asymmetrisch gebaut, sowohl Vortrieb als auch Steuerung haben mit stochern nicht die geringste Verwandtschaft und – ganz nebenbei ...stochern wäre in Venedig die falsche Wahl, jede Stocherstange würde tief im Schlick versinken.

Bis ins Jahr 1899 nutzten Flößer den Neckar, um Holz vom Schwarzwald bis nach Holland zu transportieren. Danach wurden immer mehr Stauwehre gebaut, um die ständige Hochwassergefahr in den Griff zu bekommen, kein Floß konnte solche Hindernisse überwinden und eine Tradition starb aus.

Des Einen Freud', des Anderen Leid:
Durch den Bau des ersten deutschen Brückenwehrs in Tübingen (1905), das den Neckar um Meter aufstaute und ihn im Stadtbereich befahrbar machte, wurde die Möglichkeit geschaffen, Stochern zum Zeitvertreib zu nutzen, ohne ständig der launischen Strömung und den wechselnden Wassserständen ausgesetzt zu sein. Diese Nische entdeckten sofort die Studentenverbindungen und bald legte sich jede mindestens einen Kahn zu und nutzte den Neckar für allerlei Freizeitvergnügungen und Gaudi. Gerne wurden auch interne Feindschaften auf dem Neckar ausgetragen – als das Stocherkahnrennen ausgedacht wurde (ein Bild von uns 2008) war ein einigermaßen sportlicher Rahmen dafür gefunden.

Heute haben auch viele Fachschaften, Institute, Vereine und Privatpersonen eine Nummer, die sie berechtigt, einen Stocherkahn legal auf dem Neckar zu nutzen, die Begründer sind zahlenmäßig und auch optisch in den Hintergrund getreten, wie es leider oft so ist.