Das Stocherkahnrennen

Stocherkahnrennen

Jedes Jahr im Juni findet das sogenannte Stocherkahnrennen statt, eine Tradition, die seit 1956 für jede Menge Spaß bei den Zuschauern und eine Überdosis Adrenalin bei den Teilnehmern sorgt.

Das Bild oben zeigt das Geschehen Sekunden nach dem Start. Der Startort war bis 1978 eine Holzbrücke an derselben Stelle, an deren Pfeilern sich die Starter festhalten konnten und die dazwischenliegenden Kähne an ebendenen, bis der Startschuß ertönte - die Ausrichter, die oben standen, achteten pingelig darauf, daß alle auf einer Höhe waren.

Nachdem ein gewaltiges Hochwasser die o.e. Fußgängerbrücke mit sich gerissen hatte, wurde nicht etwa über eine Änderung des Streckenverlaufs nachgedacht, sondern ein Stahlseil über den Neckar gespannt, das logischerweise eine gebogene Startlinie mit sich bringt, die erste Reihe (denn so breit ist der Neckar nicht), wird vom Heck aus dort gehalten, die zweite muß irgendwie unter dem zurückschnellenden Seit durch, ein klarer Wettbewerbsnachteil. Zum Glück ist das Wasser sehr flach, wer von Bord geht, kann bequem wieder einsteigen, schwimmen muß er nicht. Die Startnummern werden vor dem Rennen ausgelost.

Wo in den Anfangszeiten zwischen 10 und 20 Mannschaften dieses möglicherweise unangenehme Ende s.u. riskierten, fährt heute ein halbes Hundert Kähne um die Wette. Vom gemeinsamen Start an der Fußgängerbrücke oberhalb der B28-Brücke um 14 Uhr, geht es den Hauptarm des Neckars abwärts bis zur Eberhardtbrücke, durch das sog. Nadelöhr – nur der vorne liegende kann die Durchfahrt so genießen, jeder muß rund um den Neckarpfeiler, erneut durchs Nadelöhr, wobei sich natürlich die Fahrtrichtungen der Kähne kreuzen, die einen haben die erste Durchquerung hinter sich, neckarabwärts kommen immer mehr an, fangen an sich aufzustauen, weil so viele eben da nicht gleichzeitig durchgehen können, siehe hier, hier und hier von der anderen Seite und dann den Flutkanal hoch bis zum Ziel an der Eisenbahnbrücke vor dem Ende der Neckarinsel.

Die dabei zurückgelegte Strecke beträgt ca. 2,5 km. Der Erste bleibt immer teilweise weit unter 20 Minuten. Auf jedem Kahn müssen 8 Personen sein, von denen einer stochert, die anderen paddeln mit den Händen. Der Stocherer darf ausgewechselt werden, aber im Ziel müssen 8 Personen an Bord sein. Es dürfen keine Schöpfmittel mitgenommen werden, wozu früher auch Bierflaschen gehörten, doch so eng sieht man das heutzutage nicht mehr. Vor Jahrzehnten durfte mit Sitz- und Lehnbrettern gepaddelt werden, aber davon hat man bald Abstand genommen - ob die Kähne zu schnell und unkontrollierbar wurden, oder ob zu viele der Bretter verloren gingen im Eifer des Gefechts, kann als Grund der Regeländerung nicht bewiesen werden, vermutlich war aber das zweite der Fall. Seither ist ihre Mitnahme untersagt, sie bleiben an den Anlegestellen zurück.

Das sind schon alle Regeln, die einzuhalten sind, Fairness hat bei diesem Rennen keinen Platz, jeder kämpft mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln durchaus verbissen um die Positionen. Die erfahreneren Zuschauer sind oben am Ziel beim sog. Bügeleisen, dem Ende der Neckarinsel, von wo aus man den Start gut sehen kann, sie klatschen zwar für den Siegerkahn, Jubel bricht jedoch erst aus, wenn der Verlierer mindestens eine halbe Stunde später einläuft, denn während der Sieger ein Faß Freibier von der Stadt bekommt, muß jeder der 8 aus dem Verliererkahn vor Hunderten Zuschauern ein Halbliterglas voll Lebertran trinken, wozu sie das Publikum höhnisch unter den Rufen: "Wir trinken Bier, was trinkt ihr" auffordert.

Seit Jahren sind Zweifel angemeldet worden, ob alles noch mit rechten Dingen zugeht, weil sich die Liste der farbentragenden Verbindungen, die das Rennen quasi mit Ansage verlieren, stets verlängert, seit Fachschaften, Vereine und Private melden - der Verlierer aber richtet das nächste Rennen aus und die Anmeldegebühren gehen in seine Kasse, ein lukratives Geschäftsmodell mit Lebertran davor, könnte man sagen, oder: ein Narr, der schlechtes dabei denkt. Es wird auch gemunkelt, daß man sich "quasi unter sich" keinen halben Liter Lebertran mehr zumutet, sondern ihn mit abgestandenem Bier gleicher Farbe "verlängert", die "Halbe" halbiert, wobei der leichtere Lebertran dann oben steht! ...was zu beweisen wäre! Eine Mutprobe bleibt es ohnehin, die kein Stocherer freiwillig abliefern würde. Lebertran riecht so ekelhaft, daß man sich seine Wirkung auf Magen und Darm in dieser Menge kaum vorstellen kann – ab und zu werden schnell die nächsten Büsche aufgesucht. Im Jahr 2012 gab es einen Eklat weil der Lebertran-Trunk vom Verliererteam abgelehnt und nicht getrunken wurde.

Kostümiert wird sich auch und das beste Kostüm nimmt ein Spanferkel mit sich, in dieser Hinsicht kann keiner mit der Landsmannschaft Roigel mithalten, die haben quasi ein Abonnement auf den Preis.

Die beliebtesten Zuschauerplätze befinden sich auf der Neckarmauer, die oft schon 2 Stunden vor Rennbeginn "zu" ist, von dort aus kann man die ankommenden Kähne und das "Nadelöhr" perfekt einsehen. Wer zu spät kommt, probiert, auf der Neckarbrücke oder auf dem Steg zur Neckarinsel, unter dem das Nadelöhr ist, ans Geländer zu kommen. Bei ca. 15-20.000 Zuschauern eine Glückssache.

An dieser Engstelle gehen dann schon mal Stangen zu Bruch und Kähne unter, was man sich bei dem Durcheinander nicht anders vorstellen kann und die Zuschauer freuts!.

Wir haben seit 2007 mehrmals teilgenommen, jedoch weder Freibier, noch Spanferkel erhalten – was wichtiger ist: Lebertran mußten wir ebensowenig probieren und dann wird aus so einem Rennen eine positive Erfahrung. Oft auch fuhren wir den Kamerakahn für den SWR und andere Berichterstatter, was dazu führt, dass man das Rennen quasi doppelt fährt, dabei aber nicht offiziel teilnimmt, weil man dann ja kein Team von Paddlern mit an Bord hat.

Unsere Kahngemeinschaft vorne mit dabei
...durchs Nadelöhr zwischen Neckarinsel und
Neckarbrücke (der niedrigsten / engsten Stelle)

Weitere Bilder der letzten Stocherkahnrennen:
http://stocherkahnrennen.com